Ich spüre ein leichtes Unbehagen in der Magengegend. Eben habe ich einen Text geschrieben – oder besser: schreiben lassen. Zum ersten Mal hat eine künstliche Intelligenz bei meiner Arbeit mitgemischt. Und es fühlt sich sehr, sehr seltsam an, über KI im Projektcoaching nachzudenken.
Angefangen hat es damit, dass ich einen Artikel schreiben wollte. Ich hatte einige Ideen, aber die waren ziemlich eckig. Ich saß vor einem leeren Dokument und dem Druck im Nacken. Also öffnete ich ChatGPT. Tippte Eckdaten, Gedanken, Erfahrungen, Erwartungen hinein – und bat um mögliche Fragestellungen. Sekunden später: ein ganzer Katalog an Ideen. Nicht alles brauchbar. Aber zwei, drei Impulse machten etwas mit mir. Sie gaben mir Richtung.
KI als stille Sparringspartnerin
Heute ist KI für mich wie eine Kollegin im Hintergrund. Ich nutze sie zur Vorbereitung: für Workshops, schwierige Gespräche, Reflexionsphasen, Blogideen. Ich brainstorme damit, lasse mir Fragen vorschlagen, strukturiere Gedanken. Manchmal spreche ich einfach los und bitte sie, daraus ein halbwegs lesbares Konzept zu bauen.
Besonders hilfreich wird das, wenn mehrere Gedankenfäden parallel laufen oder eine Agenda nicht rund werden will. Nicht weil die KI perfekt wäre. Sondern weil sie mich anders denken lässt. Oft fokussierter.
Was ich nicht tue: KI im direkten Kontakt mit Projektteams einsetzen. Im Raum, im Dialog zwischen Menschen – da braucht es Präsenz. Ohren. Stille. Keine Vorschläge aus dem Chat.
Die leise Frage: Braucht es mich noch?
Trotzdem taucht sie auf, diese Frage. Meist spät, wenn es still ist: Braucht es mich überhaupt noch? Wenn Reflexionsfragen und Ideen auch aus einer Maschine kommen – was unterscheidet mich dann?
Ich merke, wie mich das verunsichert. Vor allem, wenn ich lese, dass KI inzwischen empathisch antworten kann. Etwas in mir will sich rechtfertigen, neu beweisen. Nach vierzig Jahren Projektarbeit.
Und dann erinnere ich mich
An diese eine Projektsitzung, in der plötzlich Schweigen im Raum stand. Niemand sprach das Offensichtliche aus. Ich habe nichts gesagt, nur eine Kaffeepause vorgeschlagen. Draußen, im Gehen, kam ans Licht, was im Besprechungsraum keinen Platz hatte. Keine KI hätte das ausgelöst. Das war Intuition. Timing. Und Menschlichkeit.
Oder an die Projektleiterin, die überfordert in einen Workshop kam und am Ende sagte: „Ich wusste gar nicht, dass man so offen über Ängste reden darf.“ Das war keine Frage von Struktur, sondern von Resonanz. Von Vertrauen.
Was ich mitbringe, bringt keine KI
Erfahrung. Wenn ich ein Projekt „spüre“, liegt das an den Jahren, den Fehlern, den Erfolgen, dem Bauchgefühl. Zwischentöne. Körpersprache. Gruppendynamik. Ob sich das irgendwann simulieren lässt, weiß ich nicht. Aber ich würde mich davon nicht begleiten lassen wollen.
Im Einzelcoaching geht es oft nicht um Ratschläge, sondern um Unsicherheit, Selbstzweifel, Ohnmacht. Was da hilft, ist kein Tipp. Es ist Da-Sein. Mitgehen. Aushalten.
KI ist hilfreich. Schnell, strukturiert, präzise. Aber sie kennt keinen Schmerz, keinen Zweifel, keine Müdigkeit. Keine echte Freude. Darum kommt sie an dem Punkt nicht weiter, an dem wirkliche Veränderungsarbeit beginnt.
Conclusio: Werkzeug, nicht Ersatz
KI wird mich als Projektcoach nicht ersetzen. Sie kann Impulse geben, Gedanken strukturieren, die Vorbereitung erleichtern. Aber Empathie, Intuition und echtes Zuhören bringt keine Maschine mit – und genau das ist der Kern dieser Arbeit.
Hilfreich ist KI dort, wo es um Struktur geht: in der Vorbereitung auf Workshops, beim Ordnen komplexer Gedanken, bei Konzepten und Blogartikeln, bei administrativen Aufgaben wie Agenden und Protokollen. Im direkten Kontakt mit Menschen bleibt die Präsenz entscheidend – und dort hat KI nichts zu suchen.
Die Balance finde ich, indem ich KI bewusst als Sparringspartnerin nutze. Nicht, um mich zu ersetzen, sondern um klarer zu denken. Der menschliche Kern – Vertrauen, Präsenz, echte Begegnung – bleibt im Mittelpunkt. Alles andere wäre eine Verwechslung von Werkzeug und Arbeit.
Wenn Sie ähnliche Fragen beschäftigen – zwischen Technik und Begegnung, zwischen Effizienz und dem, was sich nicht beschleunigen lässt – finden Sie auf sogehenprojekte.at weitere Gedanken dazu.

